<i>"The Name of Our Country is América" - Simon Bolivar</i> The Narco News Bulletin<br><small>Reporting on the War on Drugs and Democracy from Latin America
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Narco News Issue #42

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Mütter der Verschwundenen in Sinaloa

Die Andere Kampagne trifft sich mit Angehörigen der Opfer des "Schmutzigen Krieges" in Mexiko.


Von Simon Fitzgerald
Der Andere Journalismus mit der Anderen Kampagne in Sinaloa

15. Oktober 2006

In der eindruckvollsten Veranstaltung während des Aufenthalts der Anderen Kampagne in der Autonomen Universität von Sinaloa, in der Stadt Culiacán, traf sich der Delegierte Null, in Anwesenheit der unabhängigen Medien und anderer Mitglieder der Reisekarawane, mit den überlebenden Mitgliedern der Union der Mütter mit Verschwundenen Kindern von Sinaloa, um sich ihrem Anliegen anzuschließen, und der Leben der Verschwundenen zu gedenken.

„Verschwundene“ werden meistens mit den Militärdiktaturen in Argentinien und Chile assoziiert. Die mexikanischen Regierungen der 60er und 70er Jahren gewährten politischen Flüchtlingen Zuflucht, die vor der damaligen mörderischen politischen Repression in Südamerika flohen, und unternahm auch sonst große Anstrengungen um sich international als tolerantes Regime zu präsentieren. Innerhalb Mexikos jedoch, wurden linke Dissidenten im Verlauf des so genannten „Schmutzigen Kriegens“ ebenfalls von Polizei und Militär verschleppt, gefoltert und getötet.

Mit der zunehmenden Diskreditierung des „revolutionären“ oder auch nur progressiven Anscheins der lang regierenden Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), blühten in den späten 60er und 70er Jahren überall in Mexiko linke Widerstandbewegungen auf, die vom breiten friedlichen Studentenaktivismus bis zu kleineren bewaffneten Erhebungen reichten. In 2001 erkannte die Nationale Menschenrechtskommission Mexikos (CNDH) 532 Fälle von verschwundenen Zivilisten in Mexiko im Zeitraum des „Schmutzigen Krieges“ (viele glauben, dass die tatsächliche Zahl viel höher liegt). Tausende weitere wurden gefoltert. Während die größte Anzahl von politisch Verschwundenen in Guerrero erfolgte (wo der Aufstand der ‘Partei der Armen’ unter Führung des Schullehrers Lucio Cabañas, mit einer Militarisierung des Staates beantwortet wurde, die bis heute fortdauert), lag Sinaloa auf der Liste an dritter Stelle.

Wie Martha Alicia Camacho, die als Schwangere zusammen mit ihrem nun ermordeten Ehemann verschleppt wurde, hervorhebt, ist die Bezeichnung „Schmutziger Krieg“ in vielerlei Hinsicht irreführend. „Das war kein Krieg, den wir waren keine Armee. Die Regierung kam und nahm 16 oder 17-jährige Kinder fort, junge Kinder in Schulalter,“ und folterte und tötete sie. „Das war kein Schmutziger Krieg, das waren Staatsverbrechen.“

Den Schmerz und die Empörung teilen

Vier Mütter und eine Schwester von verschwundenen Jugendlichen, berichteten außer Camacho, Details von der Verschleppung und der Folter ihrer Angehörigen. Ihre anschaulichen Erinnerungen waren zutiefst verstörend, erlaubten jedoch den Mitgliedern der Karawane – so weit wie möglich – den Schmerz und die Empörung dieser Frauen zu teilen.

Marta Murillo de Gaxiolas Sohn, Oscar Gaxiola Murillo, wurde in Michoacan von einem Wagen mit Kennzeichen aus Mexiko Stadt verschleppt. Murillo erzählte die Geschichte ihres Sohnes mit einem Beben in ihrer lauten Stimme. Die Details ließen viele Anwesenden im Publikum zusammenzucken, einschließlich Subcommandante Marcos hinter seiner Skimaske. „Sie haben ihn schwer verprügelt, wurde mir gesagt . . . sie haben seine Hoden zum Platzen gebracht, und ich werde diesen Teufeln nicht vergeben.“

Martha Alicia Camacho brachte in Haft einen Sohn zur Welt, dessen Vater Jose Manuel Alapizco Lizarraga, seine Festnahme nicht überlebte. Sie fügte hinzu, „Ich bin eine lebende Zeugin dessen, was mit ihren Kindern passiert ist. Ich war am Ort zugegen, wo diese Kinder verschwunden wurden. Dort wurde mein Mann gefoltert und ermordet.“ Dann sprach sie weiter „Sie haben ihn vor meinen Augen kastriert, als ich im achten Monat schwanger war.“

Maria Perez de Carbajal ersuchte um die Solidarität von Subcommandante Marcos, der Anderen Kampagne, der anwesenden alternativen Medien und aller Anwesenden, um mit ihnen gemeinsam für die Rückkehr ihrer Familienangehörigen zu kämpfen. Ihr Sohn, Juan de Dios Carvajal Perez, wurde vor mehr als 30 Jahren verschleppt. Rosa Maria Alvarez sprach ebenfalls über ihren Bruder, Angel Manuel Herrera Alvarez, der verschleppt wurde, als er auf dem Weg war seine Hochschuldiplom abzuholen, um die gleiche Zeit wie mehrere andere Studenten der lokalen polytechnischen Hochschule, die alle aufgrund ihrer linken politischen Aktivitäten verschwanden. Die Familie kämpfte 30 Jahre lang darum ihn zu finden, besuchte Krankenhäuser, füllte Vermisstenanzeigen aus, traf sich wiederholt mit einem Gouverneur, der ihnen nur Lügen erzählte, nahmen an Treffen teil und organisierten Protestmärsche und Hungerstreiks. Alles was sie jemals fanden, war ein Foto der Studenten aus der polytechnischen Hochschule, vermutlich von einem Verwalter zurückgelassen, der versetzt worden war. Altvarez’ Mutter starb, während sie immer noch nach ihrem Sohn suchte.

Catalina Castro, deren Sohn Luis Garcia Castro ergriffen wurde als er 17 Jahre alt war, beschrieb die vielen Jahre des Protests als die gesündeste Option, die den Müttern zur Verfügung stand. „Es war eine Katharsis, unseren Schmerz hinauszuschreien und bekannt zu machen was wir fühlten.“

Die Vertuschung der Regierung dauert an

Die Frauen klagten an, dass während ihre Kinder sich in der Gefangenschaft der Regierung befanden, und noch viele Jahre später, Regierungsbeamte jedes Wissen über deren Existenz leugneten. Martha Camacho erklärte: „Angeblich ist nichts davon jemals in Culiacán passiert, aber wir … haben die Polizeiberichte gefunden,“ mit den Fotoaufnahmen und Fingerabdrücken der Verschwundenen, unterzeichnet und ausgestellt von der lokalen Bezirkspolizei von Culiacán, „die angeblich nie etwas darüber wusste. Wir haben eine Menge Beweise dafür gefunden, dass nicht nur die lokalen Bezirksbehörden involviert waren, sondern auch das staatliche Gerichtsystem, das Bundesgerichtsystem und die Armee. Ich persönlich wurde in einer Militärzone gefangen gehalten.“

Consuelo Carrasco de Flores – mit einer Kopie des Polizeiberichts über ihren Sohn, Juan German Flores Carrasco, in der Hand, der von Zuhause verschleppt wurde, als er 17 Jahre alt war – erzählte mit Tränen kämpfend, dass die Leugnungen der Staatsbeamten sie zum Verzweifeln brachten. „Hier in Culiacán sagten sie, dass sie nichts wüssten, oder ‘gehen Sie nach Mexiko Stadt’. In Mexiko Stadt sagten sie, ‘Wieso sind sie hier, wir sind nicht für ihr Problem zuständig.’ Sie behandelten uns wie Ping-Pong-Bälle.“

Präsident Vicente Fox ernannte neuerdings einen Sonderermittler, der den Müttern und ihren Anwälten Zugang zu einigen Staatsarchiven erlaubte. Obwohl diese kleine Öffnung den Müttern einige Informationsbrocken zuführte, beklagten sie sich darüber, dass die Ermittlungen zum größten Teil nur Geld an verschiedene Anwälte verteilte, ohne etwas zu ändern. Seit der Ernennung des Sonderermittlers vor zwei Jahren, haben sie um ein Treffen ersucht ohne eine Antwort zu erhalten.

„Die Parteien, einschließlich der angeblich linken PRD, versuchen weiterhin die Schuldigen zu schützen, auch wenn ihre Schuld erwiesen ist. Das ist insbesondere in Bezug auf das Militär der Fall. Andrés Manuel López Obrador hat die Forderung, die Verschwundenen vorzuzeigen oder die Schuldigen zu bestrafen, niemals aufgegriffen,“ fügte Martha Camacho hinzu.

Noch sei irgendjemand, der an der Verschleppung, Folter, Ermordung und Vertuschung der Verschwundenen beteiligt gewesen ist, jemals vor Gericht gestellt worden, sagte sie weiter.

Verbindungen zur Gegenwart: die Repression der Anderen Kampagne

Die Kommentare der Mitglieder der Karawane der Anderen Kampagne, stellten das Bindeglied zwischen den Geschichten der Frauen und ihren eigenen aktuellen Erfahrungen der Repression dar. Eine Angehörige des lokalen anarchistischen Frauenkollektivs „Ni Una Mas“, erzählte von dem Schmerz ihres Compañeros, der vor zwei Jahren in Guadalajara, außerhalb der Versammlung für Lateinamerika, der Karibik und der Europäischen Union, unter Polizeibrutalität und einer willkürlichen Verhaftung leiden musste. Mit der Bemerkung, dass auch sie eine Mutter war, offerierte sie durch ihre Tränen Solidarität, „damit mein Sohn niemals das erleiden muss, was mit ihren Söhnen passiert ist, die einfach nur ihre Rechte gefordert haben.“

Mehrere der Anwesenden verglichen auch die Fälle der gewaltsam Verschwundenen während des Polizeieinsatzes in San Salvador Atenco, im Bundesstaat Mexiko. Octavio Colorado Sandoval, ein Mitglied der Campesino-Bewegung von Atenco, die Volksfront zur Verteidigung des Landes, sprach von der politischen Repression die er selbst überlebt hatte. „Am 3. und 4. Mai, war ich einer von 15 Personen in einem Haus in San Salvador Atenco. Nur vier von uns schafften es da herauszukommen, und ich habe seitdem keinen der anderen elf wieder gesehen. Seitdem habe ich mich wie ein Roboter gefühlt, wegen dem ganzen Folgestress, den ich mit mir herumschleppte. Es finden weiterhin viele Zusetzungen durch die Polizei von Gouverneurs Peña Nieto statt, die mit ihren Gewehren bewaffnet und mit Skimasken auf den Strassen herumlaufen, um die Gemeinde einzuschüchtern.“

Die Geschichten implizierten, dass die gegenwärtigen Staatsverbrechen und die Kultur der Straflosigkeit, in der Repression des Zeitraums des „Schmutzigen Krieges“ wurzelten. Berichte von Folter aus Guadalajara; Vergewaltigungen, Morde und Brutalität der Polizei in Atenco; Ermordungen und gewaltsames Verschwinden der paramilitärischen Polizei in Oaxaca, die Verschleppung, Vergewaltigung und Ermordung von Frauen in der Stadt von Juárez und dem Bundesstaat Chihuahua (an denen Polizeielemente verdächtigt werden verwickelt zu sein), sowie die sich daraus ergebende Straflosigkeit für die Verantwortlichen vieler dieser Verbrechen, weisen eine Kontinuität der Taktiken des „Schmutzigen Krieges“ auf, die bis heute anhält. Mit dieser Einsicht, versicherten viele Anwesenden der Mütter der Verschwundenen, dass „Ihr Kampf auch unser Kampf ist“, um zu verhindern, dass sich eine derart breite Repression jemals wiederholt.

Zum Abschluss des Treffens rief Subcomandante Marcos den Anwesenden in Erinnerung, dass die Zapatisten in 1994, die Frauen der Organisation „als Mütter adoptiert“ hatten, als ihre damalige Leiterin, Rosaria Ibarra de Piedra, die Zapatisten im Lakandonischen Urwald besuchte. Er machte auch den Vorschlag, dass die Andere Kampagne bei ihrer Ankunft in Ciudad Juárez am 1. November, eine landesweite Kampagne startet, um das Wiedererscheinen aller Verschleppten und Verschwundenen zu fordern „lebend, wie am Tag als sie von uns genommen wurden“, und die Bestrafung aller, die für die Verschleppungen, Folterungen, Morde oder Vertuschungen verantwortlich gewesen sind. Diese vorgeschlagene Kampagne würde genauso für die verschwundenen Frauen von Juarez eintreten, wie für die politischen Gefangenen von Atenco. Eine der Mütter von Sinaloa antwortete sofort, „ohne erst ein Treffen abhalten zu müssen, kann ich Ihnen schon sagen, dass wir Teil dieser Bewegung sein wollen, und mit all Ihren Vorschlägen einverstanden sind.“

Nach diesem Treffen erging ein gemeinsamer Aufruf der EZLN, der Union der Mütter mit Verschwundenen Kindern von Sinaloa, und der zugehörigen Organisationen UNIOS (Arbeiter und Sozialistenvereinigung) und die Partei der mexikanischen Kommunisten, um den 1, November zum Tag der Verschwundenen in Mexiko zu erklären.

Nachdem die Mitglieder der Karawane den Moderatoren gedankt hatten, antwortete Catalina Castro, „Sie sind unsere Kinder. Wir sind Ihre Mütter im Kampf.“ Bei ihrem Abschied trugen die Mitglieder der Karawane ein Transparent mit den Namen und Fotos der Verschwundenen von Sinaloa mit, um es an der Seite des Reisebuses der Anderen Kampagne aufzuhängen, wenn sie die Reise nach Norden und dann nach Osten fortsetzen, in Richtung Ciudad Juárez. …

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