<i>"The Name of Our Country is América" - Simon Bolivar</i> The Narco News Bulletin<br><small>Reporting on the War on Drugs and Democracy from Latin America
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Narco News Issue #42

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Von den Kaffee-Farmen in Chiapas zu den Shrimp-Farmen der Küste von Sinaloa – ein gemeinsamer Kampf

Die Fischer von Sinaloa erzählen Subcomandante Marcos, wie sie von großen Fischereiunternehmen, durch neue Vorschriften und den Tourismus aus ihren Fischereigebieten verdrängt werden


Von Kristin Bricker
Der Andere Journalismus begleitet die Andere Kampagne in Sinaloa

11. Oktober 2006

Nach der fünfmonatigen Pause ist die Andere Kampagne wieder unterwegs – diesmal wieder im Küstenstaat Sinaloa. In diesem Staat wurde zuerst in der Gemeinde Escuinapa Station gemacht, wo die Fischer für das Recht auf ihre Arbeit, Würde und um das nackte Überleben kämpfen.

Wie auch in vielen anderen Regionen Sinaloas gehören der Fischfang und die Shrimp-Fischerei zum täglichen Leben der Stadt Teacapan, Escuinapa. Die Bedeutung dieser Branchen wird während des Mittagessens betont, als Kampagnen-Anhänger aus Teacapan die Karawane mit einer ortsüblichen Spezialität verwöhnten: Shrimp-Tamales (für viele von uns ist dies etwas ungewöhnlich, da wir an Bohnen und Hühner-Tamales gewöhnt sind). Da der Fischfang in Sinaloa eine immense kulturelle Bedeutung hat, bildet er den Fokus bei politischen Initiativen. In einem Land, in dem der Staat noch viele Arbeitergewerkschaften lenkt, werden die Vertreter der Sinaloa-Fischereigewerkschaft seit 1981 (als die Partei der institutionalisierten Revolution Mexiko noch fest im Griff hatte) demokratisch gewählt.


Foto: D.R. 2006 Ginna Villareal
Laut Joventino Ramos, einem Mitglied der Regionalen Fischerei-Front, fangen ca. 400 Schiffe täglich etwa 1.200 Tonnen Fisch im Pazifik. Die mexikanische Regierung benutzt dieses Überfischen durch Großunternehmen als Vorwand dafür, den kleinen Fischern und deren Genossenschaften strenge Einschränkungen aufzuerlegen. Seit 1991 ist es durch das „Gesetz 02“ für diese nicht nur schwierig, sondern unmöglich geworden, eine Genehmigung zum Fischen in genau den Gewässern zu erhalten, in denen sie seit über 100 Jahren fischen. Laut dem „Gesetz 02“ ist der Fischfang und die Shrimp-Fischerei für kleinere Boote verboten, die weniger als zehn Tonnen wiegen, weil deren geringe Größe das Leben der Fischer „gefährdet“. Doch Ramos argumentiert, dass die Regierung nicht die Fischer schützen möchte, sondern als „Komplize der riesigen Fischereiunternehmen, des privaten Sektors und der Bourgeoisie agiert.“ Die Fischer von Escuinapa merken dazu an, nie zu ihrem angeblich so geschätzten Wohl befragt worden zu sein; außerdem ignoriere die Regierung die Tatsache, dass sie ihre Familien ernähren müssen.

Fischer werden „wie Dreck“ behandelt

Die Andere Kampagne machte auch im Fischerdorf Dautillo in der Gemeinde Navolat Station, wo die Regierung den kleinen Fischern die Shrimp-Fischerei verbietet. Die Fischer werden selbst dann von der mexikanischen Marine schikaniert, wenn sie versuchen, für den Eigenbedarf zu fischen. Am 15. September 2005 nahm die Marine zwei Fischer aus Dautillo fest, nachdem die Marine sie mit niedrigen Hubschrauberflügen drangsaliert und ihre Boote durch Rammen beschädigt und fast gesenkt hatte. Durch den Zusammenstoß fiel ein Fischer über Bord. Er überlebte dank Mund-zu-Mund-Beatmung.

Doch die Probleme der Fischer beschränken sich nicht nur auf Schikane und Gewalt. Und hier zeichnet sich eine auffällige Parallele ab: Ähnlich wie die Zapatista Kaffee-Bauern, die sich auf dem „Freihandels-Kaffeemarkt“ behaupten müssen, können die Fischer kaum ihre Kosten decken. Manchmal ist es für sie sogar teurer zu arbeiten, als nicht zu arbeiten, weil die Kosten so hoch und die Shrimp-Preise so niedrig sind. Die Fischer haben keine Gefrieranlagen oder direkte Transportmöglichkeiten zu einträglicheren Märkten, so dass sie darauf angewiesen sind, ihre Shrimps an Zwischenhändler zu verkaufen. Da die riesigen Fischereiunternehmen den Markt mit Shrimps überschwemmen, können die Zwischenhändler ihren eigenen Preis bestimmen. Der „Zwischenhändler“ in dieser Stadt heißt Ocean Garden, ein multinationales Unternehmen mit Sitz in Kalifornien, das ca. 25 % der mexikanischen Shrimp-Produktion beherrscht und einen Jahresumsatz von 250 Mio. $ macht. Da überrascht es nicht, dass das Unternehmen bei der Privatisierung im Februar 2006 an ein Konsortium verkauft wurde, das aus drei der größten Fischereiunternehmen Sinaloas bestand. Bis dahin war das Unternehmen jahrelang von Bancomext, der mexikanischen nationalen Entwicklungsbank, geleitet worden. Es liegt im Interesse des Konsortiums, dass die Shrimp-Preise für die kleinen Fischer unter den Produktionskosten bleiben – denn man will sie völlig vom Markt verdrängen.


Foto: D.R. 2006 Ginna Villareal
Neben der durch Ausbeutung und Repression verursachte Armut hat Dautillo noch ein weiteres – und in mancher Hinsicht noch erniedrigenderes – Problem: es gibt keine Müllabfuhr. Den Teilnehmern der Karawane fiel Gestank auf, bevor sie in die Stadt kamen, aus Höflichkeit gegenüber den Bewohnern von Dautillo sagten sie jedoch nichts. Doch das war auch gar nicht nötig. Beim öffentlichen Forum wiesen zwei leidenschaftliche Frauen aus Dautillo darauf hin, dass man unbedingt die Müllbeseitigung organisieren müsse. Sie klagten, dass Freunde und Verwandte, die zu Besuch kommen, sich wegen des üblen Geruchs die Nase zuhalten.

Die Müllabfuhr kommt nie nach Dautillo, um den Abfall abzuholen. Der liegt neben einem Feuchtgebiet, wo er berannt wird, einschließlich Kunststoff etc. Mit verheerenden Folgen: Der Müll zieht Fliegen und Würmer an, die Krankheiten verbreiten, an denen dann die Kinder leiden. Für eine derart arme Stadt ist die wirtschaftliche Belastung durch Müll-verursachte Arztkosten unerträglich. Dieses Elend wird dadurch noch verschlimmert, dass die Fischer keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, die die Arztkosten decken würden. Der Müll verschmutzt außerdem Land und Wasser in der Umgebung und wirkt sich auf Hühner und Shrimps aus. Dadurch sinken die Shrimp-Preise noch weiter.

Nachdem er den Klagen der Stadtbewohner zur Müllsituation aufmerksam zugehört hatte, tat der Delegierte Null genau das, was ihm so gut liegt. Er verdeutlichte die Situation durch die drängende Frage: Warum liegt der Müll von Dautillo, einem armen Fischerdorf, nicht vor dem Haus des Gouverneurs?

Und so etwas nennt man Entwicklung?

Die kriminelle Vernachlässigung der Fischer von Sinaloa durch den Staat ist nicht auf Fischfangverbote, fehlende soziale Absicherung oder Müllabfuhr beschränkt. Die mexikanische Regierung treibt neue, so genannte Entwicklungsprogramme in dieser Region voran: die Escalera Nautica, im Englischen „Stairs to the Sea“ (Treppe zum Meer). Die Tatsache, dass der englische Name eingängiger klingt als der spanische, deutet darauf hin, für wen dieses Mega-Projekt gedacht ist. In einer Pressemitteilung der Jones Lang LaSalle Hotels (Miami) zum Thema Stairs to the Sea sagte Gregory Rumpel, Executive Vice President des Unternehmens: „Die mexikanische Regierung muntert die Bootseigner von Süd-Kalifornien dazu auf, in diese Region zu kommen.“, mit Jachthäfen für Touristen, einträglichen Grundstücksgeschäften und Hotelbauvorhaben. Doch Projekte wie Stairs to the Sea sind mit umstrittenen Projekten wie Staudämmen und Kanälen verbunden. Letztere haben bereits dazu geführt, dass Städte überflutet und die Shrimps von den Dörfern weggeschwemmt wurden – in die Netze der riesigen Schiffe der Großunternehmen.

Das Bündeln von heiß umstrittenen, katastrophal umweltschädlichen Entwicklungsplänen mit verheerenden Auswirkungen für die Bevölkerung wie Staudämme, Kanäle und Tourismus zu einem Mega-Projekt – z.B. Initiative for the Integration of Regional Infrastructure in South America (IIRSA), Plan Puebla-Panama und Stairs to the Sea — wird zunehmend zum beliebtesten Instrument der Regierungen und internationaler Finanzinstitutionen wie Weltbank und Inter-American Development Bank. Einzelprojekte scheitern zu leicht am Widerstand der betroffenen örtlichen Bevölkerung. Es ist wesentlich schwerer, dutzende oder hunderte gleichzeitige Projekte zu bekämpfen.

Die Fischer von Escuinapa bekommen die ersten Auswirkungen von Stairs to the Sea bereits zu spüren. In Ecuinapa befindet sich der größte Jachthafen am Pazifik; die Grundstücke sind hier deshalb besonders begehrt. Da überrascht es nicht, dass die Großunternehmen den Fischern für den Ausbau des Tourismus das Land abkaufen (und die umliegenden Strände und Gewässer privatisiert werden). Der Zugang zum Meer wird nun im Namen des Tourismus und der Geschäftemacherei erschwert, und die kleinen Fischerorte werden zugunsten der „Entwicklung“ von Küstenprojekten für Touristen wirtschaftlich vernachlässigt. In vielen der betroffenen Orte fehlen immer noch Trinkwasser, Kläranlagen und annehmbare Schulen, während seit 2001 über 1.200.000.000 Pesos (ca. 109 Mio. US-Dollar) in Stairs to the Sea investiert wurden. Laut Joventino Ramos „glauben die Wirtschaftswissenschaftler der Regierung, dass wir mit der Politik der Knechtschaft die Armut überwinden können. Der Tourismus ist mit Sicherheit nur für die Geschäftsleute von Nutzen, denn nirgendwo in Mexiko haben die Menschen vom Tourismus profitiert.“ Das Escuinapa-Jachthafenprojekt hat in der Tat nur den Reichen Entwicklung gebracht – auf Kosten der Küstenorte. Alle Bewohner von Escuinapa, die während der Anwesenheit der Anderen Kampagne sprachen, waren einer Meinung: Sie bleiben lieber unabhängige Fischer – so wie sie es schon seit hundert Jahre sind -, als in den Luxus-Resorts als Kellner, Kellnerinnen oder Zimmermädchen zu arbeiten und die Touristen zu bedienen.

Die Andere Kraft

Die Andere Kampagne möchte nach eigenen Angaben alle Staaten Mexikos bereisen, sich die Klagen der Menschen anhören und sich über deren Initiativen informieren und all dies mit dem Rest der Nation und der Welt teilen. Trotz des vielen Elends wird der Weg der Anderen Kampagne von Hoffnung und nicht von Verzweiflung begleitet. Diese Hoffnung kommt von den Menschen selbst, deren Organisationsvermögen und Networking. Der Delegierte Null machte den Fischern deutlich: „Wir sind keine Politiker…. Wir sind nicht hierher gekommen, um Versprechungen zu machen…. Wir sind nicht hierher gekommen, um euch Vorschriften zu machen…. Zu unserer Karawane gehören unabhängige Medien, deren Aufgabe es ist, von unten zu berichten. Sie nehmen eure Stimmen und Bilder auf … sehen euren Schmerz, eure Entrüstung und euren Kampfgeist und berichten darüber, so dass Fischer in Chiapas, Quintana Roo, Yucatan, Veracruz, Guerrero und Michoacán, die vorher weder von eurem Kampf gehört hatten, noch von eurer Existenz wussten, euch jetzt zuhören.“ In jedem Ort und jeder Stadt, wo der Delegierte Null hält, erzählt er den Menschen von den Kämpfen in anderen Teilen des Landes oder in anderen Teilen des jeweiligen Bundesstaates – von Kämpfen wie dem eigenen, von Menschen wie ihnen. Er erzählte den Fischern in Dautillo von den Kaffeebauern in Chiapas, die gegen die Zwischenhändler kämpfen – genau wie sie. Die Fischer in Escuinapas, die um ihr Land, ihre Existenz und gegen die Entwicklung des Tourismus kämpfen, erfuhren von Bauern in Tepic, Nayarit, die ebenfalls um ihr Land kämpfen.

Und darauf beruht die Hoffnung und die Stärke der Anderen Kampagne: dass vorher isolierte Menschen und Initiativen in ganz Mexiko sich organisieren, von Initiativen wie der eigenen erfahren, diese unterstützen und sich ihr Leben von den Reichen und den Politkern zurückholen.

Simon Fitzgerald hat zu diesem Bericht beigetragen.

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